Sehr geehrter Herr Martenstein, Sie sind ein Rassist.

Sehr geehrter Herr Martenstein. Vor vielen Jahren habe ich Ihre Kolumnen geliebt. Ich mochte den Schreibstil, die Inhalte, las ihre Bücher. Dann bröckelte die Liebe langsam. Mittlerweile meide ich Ihre Texte, denn Sie äußern sich permanent herablassend gegenüber Frauen. Und nun auch noch rassistisch in einer Art, die man sogar der zuständigen Redaktion vorhalten muss:

Erlauben Sie dem alten weißen Mann eine Frage, Anna und Christina. Welche Hautfarbe haben eigentlich Sie? Offenbar sind Sie beide jung und schwarz. Was meinen Sie, ab welchem Alter darf man Sie als wütende Affenhorde bezeichnen?

Nur, um es klarzustellen: Die vorgebrachte Kritik an “zornigen alte Männern” umzudrehen, indem man fragt, ab wann man “schwarze” Menschen als “Affenhorde” bezeichnen dürfe, ist keine Satire. Es führt auch nicht Leser oder die Autorinnen vor. Allein auf die Idee zu kommen, das eigentliche Thema zu wechseln und die Hautfarbe des Menschen mit Affenhorden gleichzusetzen, zeigt im besten Fall … Ja, es gibt keinen besten Fall. Es ist unverhohlener Rassismus, der nichts mit dem Thema zu tun hat.

Kurz notiert: Über Plattformen, Publisher und “Platisher”

Im jüngst erschienenen Buch “Das neue Spiel” widmet sich Autor Michael Seemann in einem eigenen Kapitel dem “Aufstieg der Plattformen”. Plattformen lassen sich hier als technische Strukturanbieter/Strukturen im Gegensatz zu kuratierten Medien verstehen:

»Plattformen finden sich in vielen Gestalten. Abgesehen vom unaufhaltsamen Aufstieg der Social Networks – zunächst Friendster und Myspace, schließlich das weltweit erfolgreiche Facebook – sind bekannte Beispiele für Plattformen Twitter, Instagram, Airbnb, MyTaxi und Car2Go. Doch die Plattform gab es lange vor diesen Diensten: Das Internet selbst ist eine Plattform, genauso wie das sich darauf abspielende World Wide Web. Jedes Betriebssystem bildet eine Plattform. Der Begriff lässt sich aber durchaus ins Nichtdigitale erweitern: Sendefrequenzen sowie die Gesamtheit aller Zeitungskioske oder aller Telefonprovider können als Plattformen bezeichnet werden. Und wenn wir schon dabei sind – warum dann nicht auch der öffentliche Nahverkehr, den Markt oder gleich die öffentliche Ordnung?«

Zentraler Punkt von Seemann ist, dass es einen Trend zur Plattform-Bildung gibt: [Read more...]

Kurz notiert: Posieren Anonymous-Aktivisten für BILD nach der filmischen Vorlage von “Who Am I”?

Seit längerem beschäftige ich mich der filmischen Darstellung von Hackern. Einen guten Zwischenbericht gab es im Podcast CRE. Nachdem nun der deutsche Hacker-Film “Who Am I” in die Kinos gekommen ist, hat der Bild-Reporter Maximilian Kiewel die “Hamburger Zelle von Anonymous” getroffen. Heraus kamen ein Artikel und folgendes Foto:

Das Foto stammt vom Fotografen Henning Scheffen. Es zeigt bereits eine spannende Verschränkung filmischer Darstellung und realer Akteure. Im Artikel heißt es dazu:

Der Plot: Hacker brechen in die Server von Unternehmen ein, hinterlassen digitale Visitenkarten. Ihre Aktionen werden immer spektakulärer – und immer gefährlicher. Dabei tragen sie Kapuzenpullis und stilisierte Anonymous-Masken.
BILD hat die realen Vorbilder getroffen! Mitglieder der Hamburger Anonymous-Zelle waren bereit, über ihre Operationen zu sprechen!

Ich würde hier widersprechen: “Who Am I” behauptet zwar, Hacker-Kollektive zu thematisieren, tut es aber nicht. Der Film behandelt eher die wilden Abenteuer einer spätpubertären Männer-Clique. Das auf durchaus kurzweilige Art, aber mitnichten als ernstzunehmende Verhandlung der Hackerkultur. Am Dienstag wird in der neu startenden Wired Germany ein Artikel von mir zu “Who Am I” erscheinen, in dem ich diese Kritik genauer darlege.

Die für mich spannendere Frage ist an dieser Stelle, wer im obigen Foto eigentlich wessen Vorbild ist. Zumindest ästhetisch wirkt das Bild stark an den Film angelehnt – der wiederum bekannte Motive wie die Anonymous-Masken zitiert. Das Geflecht von Vorlage und Nachahmung ist hier nicht eindeutig zu entheddern. Es gibt eben, so eine meiner Thesen, seit Jahrzehnten eine enge Verbindung zwischen populärkulturellen fiktiven Darstellungen von Hackern und realer Hackerkultur.

Doch noch etwas: Ich bin – gelinde gesagt – überrascht, ein Interview mit Anonymous nebst Foto ausgerechnet in der BILD zu lesen. Zwar gibt es bei Anonymous keine offiziellen Strukturen und damit keine offiziellen Interviews und doch wird hier zumindest eine konkrete “Hamburger Zelle” genannt. Ich habe daher noch einmal nachgefragt, ob das Interview bestätigt werden kann. Eine Antwort steht noch aus:

 

Kurz notiert: Zu Gast beim Wired-Germany-Launch

Ich war gestern zum Launch-Event der Wired Germany eingeladen. Wired Germany ist der zweite Anlauf eines deutschen Ablegers des mittlerweile über 20 Jahre alten US-amerikanischen Wired Magazine. Wired zeichnet sich als Technologie-Magazin durch eine recht optimistische Grundhaltung gegenüber technischen Neuerungen aus und könnte daher im deutschen Zeitungsmarkt einen fehlenden Platz in der eher kritischen Landschaft einnehmen. [Read more...]

»the right to be let alone« – für ein “Recht” auf Schutz vor Anonymität

In meinen Artikeln über Einschüchterungskultur und Anonymisierungstechnologien habe ich bereits angedeutet, für wie wichtig ich einen breiteren Diskurs über die Auswirkungen von Anonymisierung im Netz halte. Ziel dieser Debatte soll es nicht sein, diese Dienste zu kriminalisieren oder zu verbieten, da sie relevante Anwendungsfelder haben. Die Frage jedoch ist, wie man eine Lösung für Einschüchterungen, Belästigungen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen über diese Dienste findet. Einen Vorschlag – ein “Recht” auf Schutz vor Anonymität” – möchte ich heute machen. [Read more...]